Gepostet am 5. Aug 2005

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Ohne Dank und Abfindung: Über den lehrreichen Abgang des Jürgen Schrempp

Schwarz, weiß und grau – das ist noch nicht die Lackpalette für die Autos des Konzerns, wohl aber der Alltag für die Forscher und Tüftler bei Mercedes-Benz. Denn – so eine interne Anweisung – für Entwürfe braucht man keinen Ausdruck in Farbe. Man will Kosten senken. Auch die Mitarbeiter in gut dotierter Stellung sollen spüren, was das heißt.

Aber warum werden dann eines Tages auch noch die Firmenhandys der kreativen Köpfe eingesammelt? Kann sich die Weltmarke nicht leisten, was für Kinder selbstverständlich ist? Oder geht´s um die Abwehr von Industriespionage? Zerkratzte Fotolinsen sind die Antwort. Mit den zurück gereichten Mobiltelefonen lassen sich Blaupausen nicht mehr ablichten. Nicht die Angst vor BMW oder CIA, sondern vor dem Ideenklau des eigenen Personals ist der Grund für die Kommandoaktion. Solche Geschichten gehören zum Erbe von Jürgen Schrempp.

Der Mann, der von ganz unten kam, sich zunächst als Verkäufer, dann als Statthalter in Südafrika hoch diente und schließlich während seiner zehnjährigen Regentschaft eine Welt AG basteln wollte, ist an imperialer Überdehnung in Tateinheit mit Selbstherrlichkeit und Repression gescheitert. Weil er gern vom shareholder value sprach, aber eben diesen mit Engagements bei Chrysler, Hyundai, Mitsubishi und Smart so sehr vernichtete, dass selbst die Perle Mercedes nicht mehr glänzt, hätte er eigentlich schon längst gehen müssen.

Dass sich der Choleriker trotzdem immer wieder halten konnte, verdankte er einem merkwürdigen Zusammenspiel von Deutscher Bank und IG Metall. Fern jener Rationalität, die sie sonst so gern für sich in Anspruch nehmen, ließen die Herren des Geldes Patronage vor Profit ergehen – und ihren Emissär Hilmar Kopper, den Chef des Aufsichtsrats und Schrempp-Intimus, schalten und walten. Blamiert sind aber auch die Betriebsräte und Arbeitnehmervertreter, die sich den Eskapaden des bedrängten Vorstandsvorsitzenden nicht widersetzten, weil sie von ihm Zugeständnisse für die Kernbelegschaften bekamen. Beide, Banker und Metaller, handelten nicht strategisch im Sinne einer langfristigen Unternehmensentwicklung, sondern kurzsichtig, borniert und dünkelhaft.

In solchen Fällen hilft am Ende nur noch der große Eklat, der das sorgsam gepflegte Abhängigkeitsgerüst zum Einsturz bringt. Wer ihn auslöste, wer es wagte, das Duo Schrempp-Kopper im Aufsichtsrat offen anzugreifen und davonzujagen, bleibt zwar verborgen, aber aus der unehrenhaften Entlassung von Schrempp – ohne Dankeswort und Abfindung – darf man wohl schließen, dass ihn am Ende die „Leichenlogik“, die er jahrelang so virtuos beherrschte, selber traf. Vermutlich haben die Vorstandskollegen die Fehlentscheidungen und die dunklen Seiten seines Führungsstils so umfassend dokumentiert, dass die Beweislast erdrückend wurde. Hätte Schrempp sich gewehrt, wäre wohl noch manche Leiche in seinem Keller ans Tageslicht gekommen. So wird er nun Rentner, und die kompromittierenden Geschichten, die wir gern gelesen hätten, werden ad acta gelegt.

Was folgt aus dem Skandal beim verblichenen Stern der deutschen Industrie? Schluss mit dem Kumpel-System wechselseitiger Vorteilsnahme! Schleift die letzten Reste des nicht mehr zeitgemäßen Rheinischen Kapitalismus! Rationale Unternehmensführung statt dubioser Mitbestimmung! Mehr Macht für die Investoren, damit sie sich gegen unfähige Manager wehren können! Die Wirtschaftspresse reagiert in gewohnter Einigkeit, aber auch ohne Sinn und Verstand. Was eine noch einseitigere Orientierung an den Bedürfnissen der Kapitalmärkte bedeuten würde, zeigen Unternehmen wie General Motors, die – von Quartalsberichten besessen – neue Antriebstechnologien verschlafen und denen es noch schlechter geht als DaimlerChrysler. Wenn es ein Gegenbeispiel gibt, dann Toyota. Vertrauen in die Kompetenz der Belegschaften, Investitionen mit langem Atem, Verzicht auf risikoreiche Firmenübernahmen – Toyota hat sich den Trends der neunziger Jahre verweigert, mit der Entwicklung von Motorenkonzepten für die postfossile Ära begonnen und ist eben deshalb zum wertvollsten Autokonzern der Welt geworden.