Gepostet am 26. Mrz 2004

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Abschreibungsobjekt Ostdeutschland: War es nur der Testlauf, um im nächsten Schritt die Märkte Osteuropas zu erobern?

Irgendwo zwischen Sizilien und Mallorca könnte sie liegen, die Zukunft der deutschen Einheit. Harry Potter müsste nur Ostdeutschland verzaubern: Insula Germanica in Mare Mediterraneum. Unter der Sonne des Südens, im milden Klima des Mittelmeeres würde sich manches Unglück ins Gegenteil verkehren. Dass die Industrie verschwunden ist, wäre ein Segen für die Insel, die zu einem boomenden Touristenzentrum wird. Die Hallenser, die nun erleben, wie vor den Toren ihrer Stadt die letzte größere Fabrik, das Bombardier-Waggonwerk, die Pforten schließt, könnten jubeln: Endlich sind auch wir reif für die postindustrielle Zukunft. Selbst die Westdeutschen wären Gewinner. Von MeckPomm bis zum Erzgebirge würde die Ostsee die verschwundene Region überfluten. Die ehemaligen Zonenrandgebiete hätten ihren eigenen Zugang zum Meer. Bayern wäre Küstenstaat. Die Milliarden, die deutsche Touristen im Ausland ausgeben, blieben im eigenen Land. Nicht Spanien und Italien wären die Ziele, sondern die erweiterte Ostsee, die wir dann Südsee nennen, und vor allem die Insula Germanica.

Ohne die Gnade einer verzauberten Geographie ist Ostdeutschland zwar auch eine Insel, aber in absehbarer Zeit nur noch eine der verlassenen Seelen. Die Hoffnung auf einen selbsttragenden Aufschwung verwandelt sich allmählich in die Realität eines selbsttragenden Abschwungs. Die ratlosen Inselverwalter, ob in Berlin oder in den Landeshauptstädten, mögen die Leuchttürme beschwören, die es in Jena, Dresden und Potsdam tatsächlich gibt; aber insgesamt verdunkelt sich das Bild, wie nicht nur die Werksschließung in Halle-Ammendorf als jüngstes Beispiel zeigt. Auf den ersten Blick kaum erkennbar, weil die Straßen erneuert und die Fassaden gestrichen sind, wird der Abstand zwischen Ost und West nicht kleiner, sondern größer. Wer aber „die langfristige Aufholtendenz als Kern eines Leitbildes aufgibt“, schrieb Wolfgang Thierse vor gut zwei Jahren, „gibt Ostdeutschland ökonomisch auf. Die Alternative hieße dann: Abwanderung, sehr hohe Unterbeschäftigung auf Dauer, besonders starke Überalterung, qualitative Erosion der Wirtschaftsstruktur, hoher Transferbedarf.“

Nichts deutet darauf hin, dass diese düstere Prognose nicht Wirklichkeit wird. Edgar Most, ehemals Präsident der DDR-Staatsbank und später Direktor bei der Deutschen Bank, wird noch deutlicher: „Der Osten verarmt, veraltet und verdummt.“ Dass die jungen Talente abwandern und die demografische Situation immer schlechter wird, ist mittlerweile bekannt. Aber auch Verarmung ist ein realistisches Szenario. Wenn die heutigen Senioren, die aufgrund langer und kontinuierlicher Erwerbsjahre in der DDR vergleichsweise gute Renten beziehen, von den künftigen Rentnergenerationen mit ihren minimalen Ansprüchen abgelöst werden, verschwindet einer der letzten Stabilitätsfaktoren.

Ist der Osten unwiderruflich zum Mezzogiorno Deutschlands geworden? Bleibt noch irgendetwas zu tun, um den Verfall einer großen Region mitten in Europa zu vermeiden? Die offizielle Politik schweigt. Aus den „blühenden Landschaften“ (Kohl) und der „Chefsache Ost“ (Schröder) ist ein Non-Thema geworden. Eine Chance aber gäbe es wohl nur dann, wenn man sich das grandiose Scheitern des „Aufbaus“ eingestehen würde. Oder war das Projekt Deutsche Einheit von vornherein anders gemeint? Ging es nur um einen Testlauf, um im nächsten Schritt die Märkte Osteuropas zu erobern?