Gepostet am 11. Nov 2005

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Jubiläum XV: Publizistische Agenda 2020

Wohin geht die Reise? Wer sitzt am Steuer? Wer darf mitfahren und wer nicht? Was machen die Überflieger und die Business Class? Wer zahlt welchen Preis, und wer wird, wenn´s kracht, von den Trümmern erschlagen? Das waren die Fragen der vergangenen 15 Jahre – unerbittlich und existenziell für Millionen in der Welt, grotesk in Mitteleuropa, weil man Polsterung, Knautschzonen und Sicherheitsgurte beseitigt, während das alte Leitsystem erkennbar zu versagen beginnt, und der Stoff, der es treibt, die Natur zur Revolte zwingt. Trotz Rio und Kyoto, selbst im Angesicht von „Katrina“, „Rita“ und „Wilma“ waren und sind es die alten Themen des bürgerlichen Verkehrs, die fast alles beherrschen: Macht und Markt, Freiheit und Sicherheit, Steuern und Abgaben. All diese Fronten im ökologischen Licht neu zu formulieren, wäre nicht zuletzt für den Freitag mit Blick auf die kommenden Jahre das eigentliche Thema. Aber im Jargon der Eigentlichkeit kommt man bekanntlich nicht weit. Appelle gehören in die Weihnachtszeit, im Alltag zählen die Interessen.

Jeder Kompromiss ist erlaubt, wenn es um die Rettung des Biotops Erde geht. Das wäre eine respektable Haltung, wenn sie den Leidensdruck der Gegenwart aufnähme und mit Konzepten eines „ökologischen New Deals“ oder einer „solaren Weltwirtschaft“ tatsächlich um die geistige Hegemonie kämpfen würde. Ohne Kopf und Mut muss man zwangsläufig scheitern, wie Rot-Grün demonstriert: hier der kleine Fortschritt des guten und wirksamen Erneuerbare-Energien-Gesetzes, dort der große Rückschritt der Agenda 2010, die den Durchschnittsbürgern, die für ein neues Projekt zu gewinnen wären, die Planungshorizonte versaut. Fazit des Reformtheaters und der Verirrungen und Täuschungen, die sie begleiten, ist eine materiell wie geistig blockierte Republik mit einem geschäftsführenden Ausschuss, dem außer Haushaltskonsolidierung nichts mehr einfällt.

Was bleibt zu tun, wenn sich die Mut- und Kopflosigkeit als kühle Sachlichkeit verkleiden und die Stagnation des Landes in einen Dauerzustand verwandeln, wenn hinter Kürzen und Streichen das eigentliche Thema verschwindet? Zum einen das übliche Geschäft: Maßstäbe setzen für Vernunft und Menschenwürde, Lügen entlarven, Aufklärung versuchen. Aber vielleicht sollte die linke Kritik auch im Freitag künftig einen entscheidenden Schritt weiter gehen: nicht nur mahnen, sondern auch begeistern, nicht nur Schrumpfkuren geißeln, sondern auch das heute Mögliche konkret benennen, die Dramatik der Weltlage betonen, aber auch das emanzipative Potenzial, nicht nur von Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit reden, sondern auch von Effizienz, nicht nur den wehmütigen Blick nach hinten pflegen, sondern auch den selbstbewussten nach vorn, nicht nur aus der Froschperspektive meckern und jammern, sondern den Versagern die Stirn bieten: Wenn ihr es nicht könnt, zeigen wir euch, wie´s geht.

Vielleicht kann die Negation, die weiß, dass sie auch eine Position bieten muss, um nicht ständig in beliebiges und wohlfeiles Urteilen zu versinken, wieder anknüpfen an die verschüttete Tradition, um den Lauf der Geschichte nach einer Logik zu befragen oder doch zumindest Elemente zu entdecken, die schlüssig in gewisse Richtungen weisen. Was in prononciertester Form Karl Marx tat, was in der Vergangenheit auch marktwirtschaftliche Theoretiker von Rang wie Keynes und Schumpeter oder Soziologen wie Max Weber wenigstens en passant benannten, findet in der Gegenwart nirgends einen originären Ausdruck. Diese geistige Leere ist um so erstaunlicher, als es angesichts technologischer Umwälzungen und globaler Erschütterungen manches zu entschlüsseln gäbe. Diese Reflexion über historische Tendenzen, über ihren Sinn, über ihre wirkliche oder nur vermeintliche Zwangsläufigkeit, über ihre Verfügbarkeit für bewusstes menschliches Handeln findet kaum statt.

Entsprechend verkümmert ist die Kommunikation über das gesellschaftliche Institutionen-Gerüst, das auf alle Ewigkeit festgelegt zu sein scheint. Diese Fixierung auf den Status Quo ist zugleich die schärfste Waffe der Neoliberalen, die angesichts der Heiligkeit der Formen selbstbewusst die Reinigung eben dieser von unnötigem Ballast propagieren können. Dabei ist ihre Weltsicht im Wortsinn verrückt: Alles ist mit allem vernetzt, Chancen und Gefahren haben fast überall eine globale Dimension, aber das geistige Angebot, um mit all dem fertig zu werden, vergöttert den einzelnen, isolierten Nutzen-Maximierer. Das Individuum soll sich zum Herren über sein Schicksal aufschwingen, mit dem Ergebnis freilich, dass nun fast alle – selbst Manager klagen darüber – zu Knechten von Systemzwängen werden.

Wie sind jenseits dieser Knechtschaft Entwürfe hervorzubringen, die nicht in voluntaristischer Manier eine schöne neue Welt herbeizaubern, sondern sich einem radikalen Realismus verschreiben, die den ökologischen Imperativ in der Ökonomie verankern, die den menschlichen Genius menschlichen Zwecken gerecht werden lassen und die im Sinne einer lebenswerten Welt Interessen bündeln? Solche Fragen sind für den Freitag der spannende Teil der publizistischen Agenda 2020.

Mit überzeugenden Antworten ließen sich vielleicht auch diejenigen für einen Neuanfang gewinnen, die bislang noch von der Schnelligkeit fasziniert sind, die ihnen der Kasinokapitalismus bietet. In der Mehrzahl rühmen die Träger von Wissenschaft und Technik die Verwertungsmaschinerie als ihren natürlichen Verbündeten. Anträge, sachfremde Entscheider, Bürokraten, Verwaltungsvorschriften sind ihnen ein Gräuel, sie wollen Tempo, Leistung, Orientierung an der Sache. So ärgerlich für sie die immer mehr dominierenden Vorgaben der Finanzmärkte auch sein mögen, vor die Alternative „Bürokratie versus Privatunternehmen“ gestellt, optieren sie pro-kapitalistisch. Wenn niemand mit Ernst und argumentativer Kraft Grundzüge anderer Strategien, vielleicht sogar einer anderen Welt beschreibt, werden Millionen Kopfarbeiter sich auch künftig von gesellschaftlicher Verantwortung fernhalten, Politik als zwangsläufig schmutzig und jegliches Engagement als blauäugig denunzieren. Gerade sie aber werden gebraucht, wenn wir den Kurs der Zerstörung verlassen und eine neue Reise buchen wollen.