Gepostet am 27. Jun 2017

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Wer Umwelt sagt, muss auch Ökonomie sagen. Zum Buch „Imperiale Lebensweise“

Eine rhetorische Verbeugung vor der Umwelt gehört heute zum guten Ton. Webdesigner im Dauerstress entwickeln biosanfte Kampagnen für die schwarzen Schafe und die grauen Mäuse der Geschäftswelt. Selbst der dreckigste Konzern hat eine nachhaltig klingende Botschaft. Die Regierungen reden nicht nur, sie handeln auch. Die übelsten Giftschleudern sind entschärft oder verdrängt an die Randzonen der Weltwirtschaft. Im Norden der Erde, so könnte man sarkastisch sagen, ist die Verschmutzung sauberer geworden.
An grünen Konzepten herrscht kein Mangel. Aber nahezu alle Varianten drängen in ein einziges Biotop. Die Welt der privaten Unternehmen erscheint als der selbstverständliche Lebensraum für die vielen öko-technischen Korrekturen. Diese Veränderungen werden nur als Mutation des Bestehenden gedacht, als könne der „Genpool des Kapitals“ einfach umgepolt werden. Darauf wollen die Skeptiker nicht warten. Sie setzen auf die Kraft der ökologischen Moral, auf das, was im Alltag, vor allem beim Konsum, unmittelbar zu tun und zu unterlassen ist.
Über die Ethik des Konsums
Ulrich Brand und Markus Wissen liegen mit ihrem neuen Buch quer zu diesen beiden Reaktionsmustern und weiten die Perspektive auf ein bislang nicht markiertes Feld. Grüne Produktionstechnik und ökologische Konsumethik sind selbstverständlich Elemente der Umkehr. Aber reicht diese Doppelstrategie? Ist sie überhaupt auf der Höhe des Problemdrucks? Ehrlichkeit ist angesagt und etwas mehr analytischer Tiefgang. Denn, so die zentrale These des Buches, es gibt etwas gemeinsames Drittes, das den globalen Raubbau und uns lokale Nutznießer verbindet, das gleichermaßen in den falschen Strukturen und in den falsch handelnden Individuen wirksam ist – die imperiale Lebensweise.
Dieser Begriff bezeichnet eine Alltag und Kultur gewordene Wirklichkeit der Überproduktion und Überkonsumption, des Überschreitens nahezu aller ökologischen Grenzen. Wie die imperiale Lebensweise entstanden ist, wann und wo sie herabsickert vom reichen Bürgertum zum gemeinen Volk, welche Opfer sie hatte und immer wieder hervorbringt – das zeigen die Autoren beispielhaft für England, die USA, China und Lateinamerika. Heute steht die imperiale Lebensweise in ihrem Zenit. Sie ist allgegenwärtig und wird doch meist übersehen. Vor allem weil sie keineswegs hässlich daherkommt, sondern gesegnet mit Vergnügen und Bequemlichkeit, sogar mit dem Schönen und Guten. Selbstentfaltung, Freiheit, Wohlfahrt, Sicherheit, reiselustiger Austausch mit fernen Kulturen – die imperiale Lebensweise ist kein Imperator, sondern eine Verführung. Imperial ist sie trotzdem, weil sie nur im Gegensatz existieren kann. Sie braucht ein „Außen“, menschliche und ökologische Ausbeutungsobjekte, schuftende Heere von miserabel bezahlten Zuträgern, malträtierte Landschaften und mit Schadstoffen überladene Umwelten.
Je mehr sich die imperiale Lebensweise über den Globus ausbreitet, desto schneller gerät sie in eine Sackgasse, weil sie ihr „Außen“ verliert. Wenn die im Norden übliche Maßlosigkeit zunehmend auch den Süden erobert, dann braucht auch der Süden seinen Süden. Anzeichen dieser Art gibt es längst, wie etwa das Land Grabbing chinesischer Investoren in Afrika. Aber insgesamt kann die Rechnung nicht aufgehen, schon gar nicht ökologisch. Die Rohstoffquellen versiegen. Die Schadstoffsenken laufen voll.
Welche Auswege könnte es geben? Die imperiale Lebensweise ist den technokratischen Umwelt- und Klimapolitiken ein blinder Fleck. Sie enthalten richtige und manchmal sehr ambitionierte Ziele. Ihre Mittel aber bleiben Lohn, Preis und Profit. Wir müssen unsere Wirtschaftsordnung nicht umkrempeln: Das ist die Hintergrundmelodie von energiepolitischen Rettungspaketen und von Managerformeln einer technischen Revolution im Öko-Design.
Was den Technokraten fremd ist, formulieren die Konsumkritiker als Ausgangspunkt: die Befreiung vom unsinnigen Überfluss – ändere dein Leben! Aber der Alltagsreformist läuft zwangsläufig gegen Schranken. In der Arbeitswelt ist er machtlos. Am großen Rad der Infrastrukturen, der Steuersysteme, der Handelsströme und der Versorgungsketten kann er als Einzelner nichts ändern. Den radikalsten Konsumverrätern mag es gelingen, aus dem Gehäuse des Raubbaus zu entkommen. Aber eine Bewegung mit politischem Effekt wird daraus wohl nicht.
Geschichtsvergessen
Privilegierte dieser Welt, erkennt euren Wahnsinn und ändert euren Kurs. Diese Losung wird verhallen, nicht ungehört, aber konsequenzlos, wenn sie nur an das Individuum appelliert. Deshalb braucht es eine gemeinschaftliche, kommunale und irgendwann auch gesellschaftliche Zuwendung zum Richtigen. Das Anti braucht ein Pro, attraktive und praxistaugliche Gegenentwürfe. Politisch bedeutet das die „Perspektive der Emanzipation: eines guten Lebens für alle, das die Zumutungen und Ausgrenzungen, die Ansprüche der Mächtigen und Reichen, aber eben auch die vielfältigen Privilegien großer Bevölkerungsteile in den wohlhabenden Ländern kritisch reflektiert“.
Wie diese solidarische Haltung den allseits wuchernden Wagenburg-Mentalitäten die Stirn bieten könnte, ist dem analysekräftigen Buch bestenfalls ansatzweise zu entnehmen. Hier rächt sich, dass die beiden Autoren zwar einen großen Fundus sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse verarbeiten, aber nicht diejenigen der heutigen Zentraldisziplin gesellschaftlicher Debatten. Die Ökonomie ist auffällig abwesend.
Diese Abstinenz ließe sich leicht rechtfertigen, weil die heutige Wirtschaftswissenschaft weitgehend geschichtsvergessen ist. Sie kümmert sich kaum um Energie- und Ressourcenströme. Sie verkennt, dass auch die Wirtschaftskreisläufe einem geschichtlichen Entstehen und Vergehen unterworfen sind. Aber einige helle Köpfe hat auch die Volkswirtschaftslehre zu bieten. Zu ihren Themen gehört die vor 90 Jahren von John Maynard Keynes gestellte Frage: Wie ist die Gesellschaft neu einzurichten, wenn das wirtschaftliche Problem gelöst ist, wenn es eine umfassende Güterversorgung gibt? Nach der gelungenen Kritik der imperialen Lebensweise ist es an der Zeit, die politische Ökonomie ihres Gegenteils zu formulieren.
Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten globalen Kapitalismus U. Brand, M. Wissen oekom 2017, 224 S., 14,95 €
Dieser Beitrag erschien im >Freitag<, Ausgabe 21/17 vom 26. Mai 2017